20. February, 2008

Liebe, Leben, Schnaps & Kommunisten - Gudmund Vindland und Dag Solstad

Die Schriftsteller Gudmund Vindland und Dag Solstad haben nicht wirklich viel gemein.
OK, sie kommen aus Norwegen, schreiben Bücher, sind oder waren politisch - na und?
Aber eines eint sie - ich habe ihre Bücher verschlungen.
Sie haben mich auf eine brutale, kämpferische, teilweise trotzige Art angemacht, die ich selten in Büchern finde und doch so liebe.

“Gymnaslærer Pedersens beretning om den store politiske vekkelse som har hjemsøkt vårt land - Genosse Pedersen” und “Villskudd - Irrläufer” haben mich zerissen beim Lesen. Lautes Lachen, zustimmendes Krakelen und fette Kullertränen haben sie mir abverlangt und das oft in der überfüllten S-Bahn zur Maloche.

Aus solchen Büchern taucht man verändert auf und sieht für einen kurzen Moment mehr Licht, schärfere Umrisse und der Geschmack von Sommer liegt in der Luft. - Revolution steht ins Haus und die Resignation folgt oftmals stehenden Fusses. Ein irres wunderbares Gefühl.

Beide Romane stellen Sitten, Religion, Politik, Scheinheiligkeit und das als zu glatte Bild Norwegens in den 60er und 70er Jahren an den Pranger, aber nicht um Kübel von Schmutz und Scheiße darüber auszukippen. Sie zeigen Schlupfwinkel, Veränderung, Aufbruch und Scheitern von neuen politischen, sexuellen und gesellschaftlichen Ideen und wie einen das “normale” Leben umschmeichelt und Balsam für die kranke Seele verspricht.

Leider habe ich nur für “Irrläufer” eine deutsche Inhaltsangabe beim Aufbauverlag gefunden - das andere Buch gibt es noch nicht auf Deutsch (leider):

“Der Erzähler Yngve zeichnet ein Sittenbild Norwegens in den 60er und 70er Jahren aus schwuler Sicht. Es ist eine phantastisch-deprimierende Geschichte über Coming Out, Valium, Beatles, vollgespritzte Vorhänge im elterlichen Schlafzimmer, über Sinnsuche in der Literatur, rohe Ficks und liebevolle Bumserei, über das Saufen, die Liebe und Tabletten. ‘Was haben wir uns gefallen lassen’, resümiert Yngve, als er sich an die Schwulenhatz jener Jahre erinnert. Yngve ist ein Kind dieser Zeit, das sich freischwimmt von der verloren-verlogenen Moral einer Amtskirche, die ihre Schäflein nur bei sich halten kann, indem sie ihnen ein schlechtes Gewissen macht. Kirche und Psychiatrie als Spiegel der Gesellschaft sind die Hauptangriffspunkte in der Vindlandschen Gesellschaftsmontage. Aber der Autor beläßt es nicht bei Kritik an seiner Gesellschaft, sondern er illustriert gleichzeitig Liebe sowie Verlogenheit der Schwulenszene. Die Angst der ‘Tanten’ aus der High Society vor dem ‘Outing’. Er erzählt schöne und tragische Liebes- und Bettgeschichten und zeichnet den Kampf Yngves gegen jegliche Versuche der Vereinnahmung durch die ‘Szene’ oder die anständige Gesellschaft [nach]. Er sei ein Irrläufer, ‘ein Auswuchs …, für den es keine Hoffnung’ gebe, verrät ihm die Fachliteratur. Wieviel Hoffnung, welche Verzweiflung er in jenen bewegten Jahren durchlebte, als Stricher in Amsterdam, als verzweifelter angehender Literat, als von brutalen ‘Psychopeuten’ drangsalierter, das berichtet Yngve in so einem erfrischend undidaktischen Stil, … . Eine lustvolle Lektüre ohne Krampf.”
Christoph Plate, magnus - Quelle Aufbauverlag

Jedem, der sich den Film “Genosse Pedersen” ansehen will - nur zu, es gibt ihn auch auf Deutsch - nur mein Trailer ist Norwegisch ;o).

3 Kommentare to “Liebe, Leben, Schnaps & Kommunisten - Gudmund Vindland und Dag Solstad”

  • Wenn das hier so weitergeht, fange ich an Schwedisch, Finnisch, Norwegisch und Dänisch parallel zu lernen!

  • Na ja, halt durch, die skandinavische Woche ist Sonntag beendet. Mal sehen welche Reise wir dann antreten. Der März hat viele Höhepunkte - Revolution und gepflegte Relegion. Frauentag vs. Ostern - das wird spannend.

  • Nein! Das war durchaus positiv gemeint. Da scheint es ne Menge spannender Dinge zu geben, die bei Kenntnis der Sprache noch unterhaltsamer sind. Daher nicht weniger Skandinavien sondern mehr!

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