22. December, 2008

Der fremde Freund – Eine Wiederlektüre

Wenn eine Beziehung zu einem Menschen und das Ertragen dieser erst durch Distanz möglich wird, wie komplex ist die Struktur/das Konstrukt, das dies für einen ermöglicht oder gibt es keine Antwort darauf – kann nicht zugelassen werden?
Christoph Heins Novelle „Der Fremde Freund“ (Drachblut) stellt mir diese Frage bei jeder Lektüre. Die Kolorierung fällt je nach der momentanen Stimmung und den Begleitumständen aus.
Ich habe das Buch nie unter einem politischen Aspekt gelesen, den es durchaus wiedergibt, sondern auf einer sehr persönlichen Ebene. So unnahbar, wie die weibliche Hauptfigur (Claudia, Ärztin), aus der ICH Erzählerperspektive beschrieben wird, so unfassbar sind die Gefühle die in der Gesichte enthalten sind bzw. welche die Beziehung der Hauptfigur zu ihrer Umwelt kennzeichnen. Es ist fast unmöglich das Dahinleben Claudias und ihrer Beziehung zu sich selbst und zu den sie umgebenden Menschen nicht als gewollt emotionslos, klinisch rein und strukturiert, zu erleben. Selbst die Wahl der Icherzählerposition gibt keine Angriffsmöglichkeit für mich als Leser Claudia nahe zu kommen, obwohl ich doch durch ihre Augen lesen und erleben soll.
Ihre Angst vor tiefer greifenden Fragen oder einschneidenden, lebensverändernden Erfahrungen, führt zu einem Minimum an Intimität, Vertrautheit gegenüber ihrer Außenwelt, den Patienten, den Eltern, den Bekannten (oder Freunden, wen sie diese wirklich hat) und zu ihrem Liebhaber. Ich denke genau diese vermeidliche Kälte, Distanz und der schlichte Verlauf der Geschichte macht für mich den Reiz, der Novelle aus.
Im Buch wird rückwärtig, nach dem Tod ihres Liebhabers Henry einsetzend, erzählt. Selbst dieser Schicksalsschlag löst bei ihr keine erkennbaren Gefühlsregungen aus, da die Beziehung beider klar auf Distanz und Abgrenzung beruht. Einzig eine Stelle im Buch, wo sie zurück in ihre Jugend und in ihre Heimat reist, lässt eine Regung von Nähe, Sehnsucht, Liebe zu, die sie sofort deckelt und aus ihrem Leben verbannt.
Es ist spannend der Figur zu folgen, darüber nachzudenken, wie viel von diesen Mechanismen, Regelhaftigkeiten und Lebensentwürfen in sich selbst zu finden sind oder ob mensch nicht genau am anderen Ende dieses (Kälte)Pols verhaftet steht.
Es lohnt wirklich sich dieses Buch in einer stillen Stunde zur Lektüre zu nehmen.

1 Kommentar to “Der fremde Freund – Eine Wiederlektüre”

  • Das Buch ist wirklich sehr gut, aber ich “Horns Ende” auch von Christoph Hein finde ich noch interessanter! Es lohnt sich, das Buch ist besonders empfehlenswert!

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