15. June, 2009

Bitte werfen sie eine Münze ein …

Angenommen jemand verspürt den Wunsch nach einem echten Nervenzusammenbruch in aller Öffentlichkeit. Leichtes wimmern, schluchzen, vereinzelte Tränen, Rotz hochziehen, schubweise Heulkrämpfe, Haare raufen, Fremden das Erstgeborene versprechen, Kaffeebestechungen …, das volle Programm eben. Angenommen der Jemand arbeitet in einem Großraumbüro und hat die absurde Idee ein gepflegtes Telefonat mit einer Behörde zu führen und alle Kollegen dürfen dem Schauspiel folgen. Angenommen der Jemand macht dies an einem Montagnachmittag. Ja, dann … dann, versucht der Jemand seinen Führerschein neu zu beantragen und seine Restwoche in den nervlichen Müllschlucker zu werfen. Weiter nicht wild, denkt der Rest der Welt, aber weit gefehlt. Die ausstellende Ursprungsbehörde liegt nicht im selben Bundesland, wie die Behörde des jetzigen Wohnsitzes. Oha, das klingt nach Kafka, denkt der Jemand und behält Recht. Am Telefon fallen Worte wie Karteikartenabschrift, Verwaltungsaufwand, Postweg, Bearbeitungsdauer und weisen den zerstörerischen Weg ins gelobte Land Absurdistan. Die Warteschleife singt unermüdlich „Steige hoch du roter Adler“ und der Jemand ist versucht das Federvieh vom märkischen Himmel zu knallen, in einem tiefen Loch zu verscharren und natürlich seine Unschuld zu beteuern. Nun begrub der Jemand doch lieber seinen Verstand und flötete ins Fernsprechrohr. Nichts da, der geregelte bürokratische Weg wird gegangen und Besuche der Behörde sind Teufelswerk und zu vermeiden, zischt’s durchs Kabel ans geschundene Ohr. Elektronische Vernetzung, mitnichten, hier wird noch geknickt, gelocht und abgeheftet.
Es wird ein langer Weg nach Canossa und die Buße für einen verlorenen Führerschein wird unerbittlich.

4 Kommentare to “Bitte werfen sie eine Münze ein …”

  • kicher. nicht aus schadenfreude, sondern weil mir das gleiche passiert ist. führerschein neu beantragen birgt als handlung wirklich kafkaeske züge. und ich wollte töten, viel und gründlich töten. nur das telefon hat es verhindert. das arme ding. ich musste die einzelteile vom boden kratzen.

  • Daß ich alt werde, merke ich daran, daß mich zuweilen der Gedanke beschleicht, einiges war früher doch besser. Als ich vor mehreren Jahrzehnten meine neue Pappe (es war damals noch Pappe! Grau!) verbummelte, kostete mich das ein Telefonat, einen Weg mit den Öffentlichen, eine Stunde Warten, ein kurzes, sachliches Gespräch mit Vorlage meines Ausweises, und eine Woche Wartezeit, dann noch mal hin, wieder warten und das gute Stück abholen. Damals kam mir das sehr umständlich vor, aber heute relativiert sich das.

  • Der Jemand, ich, bedankt sich für das geteilte Leid. Leider sehe ich noch kein Licht am Ende des Tunnel und erfreue somit meine Umwelt durch Geschichten aus dem Amt. Dabei bin ich nicht einmal scharf auf das neue Stück Plastik, die Pappe gefiel mehr sehr gut (auch wenn mein Foto eher jemanden andrem ähnelte, nur nicht mir).

  • Also als ich meinen Führerschein in Brandenburg verloren habe, konnte ich in Berlin prima meinen neuen beantragen. Auch wenn mir die Fahrt zur Kochstraße wie eine Ewigkeit vorkam.

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